Warum nutzen wir unsere Intuition oft nicht? – Luise Lohkamp

„Wer andauernd begreift, was er tut, bleibt unter seinem Niveau“ 

(Martin Walser)

 

Wie oft ärgern wir uns nach Entscheidungen, die wir aus reinen Vernunftgründen getroffen haben und mit denen wir uns nicht wohl fühlen. Es kommen Gedanken wie beispielsweise: „eigentlich hatte ich so ein komisches Gefühl“ oder „ich habe es doch gleich gewusst“.  

In unserer von Descartes geprägten vernunftorientierten Gesellschaft und insbesondere in Managementetagen, in denen rational nachvollziehbare Gründe in Argumentationsketten erforderlich sind, scheuen wir uns häufig, unserem Bauchgefühl zu trauen. Aus Sorge, keine Erklärungen parat zu haben oder uns mitleidig belächeln zu lassen.

Häufig erlauben wir uns auch nicht, auf Gefühle zu hören. Entweder, weil uns dies so beigebracht wurde oder weil wir selbst schlechte Erfahrungen damit gemacht haben. Hierdurch nutzen wir die hilfreichen Funktionen unserer Gefühle häufig nicht. Eine Führungskraft, die beispielsweise nicht gelernt hat, Angst zu empfinden, wird sich schwertun, diese zu berücksichtigen, wenn sie bei einer strategischen Managemententscheidung ein unerklärlich schlechtes Gefühl hat. Schade, wenn dann wirklich Bedrohungen auftauchen, gegen die es möglich gewesen wäre, sich zu schützen.

Oder ein Geschäftsführer, der ein klares und innovatives Bild der Zukunft seines Unternehmens hat. Dieses ist vielleicht utopisch und rational aus heutiger Sicht nicht vorhersehbar. Aber eigentlich glaubt er, dass dieses möglich ist. Vielleicht hat er den Mut und die innere Gewissheit, an seine Vision zu glauben und diese kraftvoll umzusetzen. Vielleicht lässt er sich aber auch durch viele Gegenargumente und Rat-schläge entmutigen. Oft folgen dann Innovationen ähnlicher Art einige Zeit später, nur halt nicht von diesem Geschäftsführer.

Die Kunst ist, die eigene Intuition zu läutern, um mehr und mehr Gewissheit zu erlangen, ob und auf welche Weise wir unserer Intuition trauen können. Denn manchmal suggeriert uns die Intuition eine Gewissheit, die eher unseren eigenen Lebensskripthemen entspringt und uns daher in der Abwertung unserer selbst, anderer oder der Gesamtsituation bestärkt. Dann wäre die naive Erlaubnis der Intuition eher fatal.